Donnerstag, 7. Februar 2013

Das Stadt- und Heimatmuseum in Goslar



Menno, schon wieder eine Pleite … aber der Reihe nach.

Im Anhang des sehr zu empfehlenden Buch „Historischer Bergbau im Harz“ von Dr. Wilfried Liessmann (3. Aufl., 2010) befindet sich eine sehr brauchbare Auflistung „Besucherbergwerke sowie montan- und wirtschaftshistorisch interessante Museen, Sammlungen und Einrichtungen im Harz“. Der Eintrag unter dem Stadt- und Heimatmuseum liest sich eigentlich sehr verheißungsvoll:

„Schwerpunkte: Geschichte der Kaiserstadt Goslar, insbesondere des Mittelalters, Sozialgeschichte zum Leben der Bergleute, große Mineraliensammlung; und eine 2007 eröffnete Ausstellung zum Geopark Harz: „Die klassische Quadratmeile der Geologie“.

Große Mineraliensammlung – sehr schön; genau, wonach ich gesucht habe. Nachdem auch einige seriöse Goslarer Internetseiten bestätigten, das Goslarer Museum zeige „umfangreiche Sammlungen zu Geschichte und Kunstgeschichte der Stadt und zur Geologie und Mineralogie der Region“, stand (m)ein Besuch auf dem Programm. Eine bald endende Sonderausstellung mit detailgetreuen Stahlstichen des Harzer Künstlers Wilhelm Ripe sorgte dafür, dem Museum einen früheren Besuch abzustatten als eigentlich vorgesehen (Februar 2012).

Altstadt von Goslar

Irgendwann - nach etlichen Fehlversuchen - habe ich das Museum, das in einer 1514 erbauten Stiftskurie und einem angrenzenden Fachwerkhaus von 1510 untergebracht ist, gefunden. Eine gute, schon weiter vom Objekt entfernte Ausschilderung sucht man leider vergebens. OK, wenigstens hatte ich dabei die Gelegenheit, einige sehr malerische, verwinkelte Ecken in der sehenswerten und zum „UNESCO Weltkulturerbe“ erklärten historischen Altstadt entdecken zu können, was ich nicht bereut habe.

Museums-Vorplatz (Febr. 2012)

Meiner Vorfreude auf die Mineraliensammlung wurde schon an der Kasse am Eingang ein Dämpfer aufgesetzt. Ziemlich barsch wies man mich mit Blick auf das unter den Arm geklemmte Fotostativ darauf hin, dass das Fotografieren im Museum strikt verboten sei. Den Spruch, den ich im Museum Salder (Salzgitter | siehe hier) entgegnet habe, ließ ich hier eher sein, drückte der ohnehin missmutigen Kassenwächterin mein Stativ zur Aufbewahrung in die Hand und zog durch die Räume. Die Sonderausstellung mit den Landschaftsmotiven des Harzes (auch zum Bergbau- und Hüttenwesen) war lohnend; nach Geschichte und Kunstgeschichte der Stadt und seiner Bewohner mit einigen kulturhistorisch bedeutenden Exponaten war mir an diesem Tag nicht so. An allen Ecken und Kanten angebrachte Überwachungskameras, deren Bilder ihren Weg zu einer wahren Batterie an Monitoren in einem Nebenraum fanden, trübten darüber hinaus extrem das Ambiente und den Museumsbesuch. Selten habe ich mich durch so eine Vielzahl von Kameras überwacht und – im Nachhinein gesehen – durch die Räume gehetzt gefühlt. 

Exponate zum Thema Erzverhüttung im frühen Harz

Im zweiten Obergeschoss des „Hinterhauses“, das man über einen kleinen Hof erreicht, wurde ich irgendwann fündig: Ah, die ersten Steine! Fossilien …. viele Fossilien. Schön stratigrafisch geordnet. Ca. 5600 Exponate bilden die Dauerausstellung "Die Fossilien der Klassischen Geologischen Quadratmeile". Für Hobby-Paläontologen sind die Vitrinen sehr gut geeignet, die eigenen Funde zu bestimmen, auch wenn hin und wieder einige Stücke munter und ziellos durch die Auslagen gekullert sind.

Zwei Exponate der Ausstellung regionaler Fossilien

Oh: An der Stirnseite zwei größere Mineralien-Stufen! Endlich. Das müssen die „Appetizer“ zum zweiten Raum im Obergeschoss sein, dachte ich, denn in einem ausliegenden Museums-Flyer wird dieser (und die Mineraliensammlung darin) erwähnt. Nur die Tür zum Nebenraum war geschlossen. Das Schild an der Tür zeigte an, dass sich hinter der Tür keine Mineralien-Ausstellung befindet. Habe ich einen Raum übersehen? Ein kurzer Rundgang durch die Häuser brachte schnell die Erkenntnis, dass hier nicht das im Vorfeld und aktuell Beworbene und Beschriebene zu sehen sei. Nichts mehr … nur wenige Stufen, deren Anzahl man an den Händen abzählen kann. Hier mal ein Beispiel:

Stufenbreite ca. 40 cm

Vom Rest: Fehlanzeige? Nur der antiquarische Flyer, ein alter, teilweise falscher Plan liegt noch herum. Auf meine Frage an die Damen an der Kasse bzw. im Museumsshop, wo denn die Mineralien sind , von denen in aktuellen Publikationen, im Internet und sogar auf eigenen aktuell ausliegenden Broschüren geschrieben wurde, kam neben verdruckstem Achselzucken eine Art geschwollener „Bläh-Text“ hervor, den man schlicht und ergreifend mit „keine Ahnung“ übersetzen muss. Kurz vor Schließzeit das Stativ geschnappt und enttäuscht ab nach Hause – nein: eher stark verärgert. Den im Shop angebotenen kleinen Sonderdruck mit den Ripe-Werken fand ich zwar recht schön, aber extrem überteuert und ließ ihn liegen.

Auf der Rückfahrt fiel mir ein, dass sich im Museum eigentlich noch zwei andere Dauerausstellungen, die sicherlich interessant sind und thematisch nicht weit von der Mineralogie stehen, befunden haben sollen:
1. Ausstellung:  „Die Klassische Geologische Quadratmeile im Geopark Harz-Braunschweiger Land-Ostfalen“, zugleich Informationszentrum des Geoparks;
2. Ausstellung: "Vom Erz zum Metall" (über die Gewinnung von Metallen aus Erz im Harz)

Wo waren die nun? Der Gedanke an die beiden weiteren Ausstellungen stand gegenüber der Mineralien-Ausstellung weit hinten an und ging im Ärger vor Ort völlig unter, aber so völlig durch den Wind konnte ich nicht gewesen sein. Kein Hinweisschild entdeckt (vielleicht ging es im Shop-Vielerlei optisch unter).
Ich brauche nicht zu erwähnen, dass der Hinweis an der Kasse/Information, man könne weitere Minerale in den beiden Daueraustellungen (in den Obergeschossen des Stifthauses) sehen, in Zusammenhang mit meiner Frage nach der Mineraliensammlung unterblieb


Ein Anruf im Museum am nächsten Werktag klärte auf, dass die Mineraliensammlung nicht mehr gezeigt wird. Endlich einmal eine klare Aussage! Meine weitere Neugier stillte später per Email dankenswerterweise der Vorsitzende vom »Naturwissenschaftlichen Verein Goslar e.V.«, Herr Zang:

Frage: Warum wird die Mineraliensammlung nicht (mehr) gezeigt?
Antwort:  Eine reine Mineralien-Ausstellung lockt heute keine Besucher in ein Museum, zumal die große Sammlung der TU Clausthal, mit der sich unsere nicht messen kann, nur wenige km entfernt zu sehen ist. Das Goslarer Museum kämpft ums Überleben.
Teile unserer Mineraliensammlung sind weiterhin ausgestellt in den modern gestalteten Themenbereichen "Klassische geologische Quadratmeile" (eröffnet 2007) und "Vom Erz zum Metall" (eröffnet 2011), beide in den beiden Etagen oberhalb des Eingangsbereiches.

(Anm.: Tja, schön, dass man dieses hinterher auf schriftliche Nachfrage erfährt)


F.: Wem steht die Sammlung zur Verfügung?
A.: Den Mitgliedern, sonst nur in Einzelfällen zu Forschungszwecken auf Anfrage
 
F.: Gibt es eine vollständige Inventarliste der Min.-Sammlung?
A.: Ja

F.: Was ist mit der Sammlung zukünftig geplant?
A.: Das hängt von der Zukunft des Museums ab.

F.: Warum erfolgen keine Hinweise (auch im Internet), dass die Ausstellungen im Museum stark beschnitten wurden?
A.: Siehe oben und hier

F.: Gibt es digitale Bilder von der Sammlung bzw. einzelnen Sammlungsstücken, die ich ggf. veröffentlichen kann?
A.: Nein.

Erwähnen muss ich noch, dass Herr Zang hausinternen Gründen meiner „Pleite“ nachgehen und abstellen will. Vielen Dank dafür.
Der 1852 gegründete »Naturwissenschaftliche Verein Goslar e.V.« gehört zu den Trägern des Goslarer Museums. Dazu gesellen sich noch die Stadt Goslar sowie der 1905 gegründete »Museumsverein Goslar e.V.«

 „Die übrigen im Vereinsbesitz befindlichen Sammlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins (Bibliothek, Insekten, Fossilien, Gesteine, Mineralien) sind heutzutage zumeist in Magazinen untergebracht“, so die Internetseite des Vereins heute.  Ich erlaube mir die Befürchtung auszusprechen, dass diese Sammlungsstücke wohl kaum wieder „an die Öffentlichkeit“ treten werden und „verloren“ sind. Mir ist keine Publikation bekannt, dass Stufen aus der Sammlung des Naturwissenschaftlichen Vereins zeigt oder darauf Bezug nimmt. Das ist insbesondere sehr schade, da die Mineraliensammlung  angeblich schwerpunktmäßig auf den regionalen Bergbau ausgelegt war und sich so ideal zu den Exponaten im Bergbaumuseum Rammelsberg sowie der Geo-Sammlung der TU Clausthal (vgl. hier) ergänzen würde. Wünschenswert fände ich es, die restlichen die Sammlungsbestände in die TU-Sammlung zu integrieren. Zwar werden dann auch noch viele Stücke im Dunkeln bleiben, aber einige sollten doch den Weg in die Vitrinen schaffen. Platz genug wäre da ja.

Die obige Aussage, „eine reine Mineralien-Ausstellung lockt heute keine Besucher in ein Museum“, hinterlässt bei mir einige Stirnfalten. Irgendwann hat man sich ja dort entschieden, einen Großteil der Fossilien-Sammlung öffentlich zu zeigen. Ich frage, ob denn eine reine Fossilien-Ausstellung (wie realisiert) mehr Besucher in ein Museum lockt?


 
Ob sich der Besuch der beiden o.g. Dauerausstellungen für Freunde der Geowissenschaften lohnt, kann ich leider aus geschilderten Gründen nicht sagen. Extra deswegen fahre ich nicht nochmals nach Goslar, auch wenn mir wegen der misslichen Umstände beim 1. Museumsbesuch ein kostenloser Zugang beim 2. Anlauf telefonisch zugesichert wurde. Wenn ich im Raum Goslar wieder einmal unterwegs bin und sich noch ein bisschen Zeit für das Museum in Goslar übrig bleibt, werde ich vielleicht noch einmal hineinschauen und das Verpasste nachholen. Allerdings nur dann, wenn diese Bereiche frei von Überwachungskameras sind und ich uneingeschränkt fotografieren darf.

Halten Sie mich auf dem Laufenden und schreiben Sie mir Ihre Eindrücke von dort.
Glück auf! Trotzdem. Irgendwie.


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