Montag, 28. April 2014

Harzmineralien in Gernrode





Internetsuchmaschinen sind etwas Feines. Da gibt man eine Abfolge von Suchbegriffen ein und erhält manchmal verblüffende Ergebnisse, die mit den eingetippten Stichwörtern scheinbar kaum im Zusammenhang stehen wollen. Jedenfalls auf den ersten (und auch zweiten) Blick nicht. Ich erinnere mich nicht mehr, welche genauen Suchbegriffe ich eingab, um u.a. einen Link zu einer „Elementarschule“ in Gernrode zu erhalten. „Mineralien“, „Bergbau“ und „Harz“ waren sicherlich darunter, aber nicht nur.Die Seite enthielt einen kurzen Hinweis zur Besichtigungsmöglichkeit einer größeren Mineralien-Sammlung, die nur Stufen aus dem Harz enthält. Nach meinen hier im Blog nachzulesenden Flops im Stadtmuseum von Goslar und im Harzmuseum von Wernigerode, war ich für die weitere Möglichkeit, eine umfassende Harz-Regionalsammlung, zusätzlich zu der in der TU Clausthal, anschauen zu können, sehr dankbar. Bislang habe ich nur wenig älteres Material aus dem Mittel- und Ostharz gesehen; in Gernrode, am NO-Rand des Harzes in Sachsen-Anhalt gelegen, heute zur Stadt Quedlinburg gehörend, erhoffte ich diese Lücke zu schließen.
Das gelang erst im zweiten Anlauf. Mittlerweile versichere ich mich stets vorab telefonisch, ob mein Besuchsziel auch wirklich geöffnet ist und kündige dann mein Kommen auch an. Geöffnet war es auch, leider nützte mir das nicht sehr viel, denn die Räume mit der Mineraliensammlung waren verschlossen und angeblich durch eine Alarmanlage gesichert, die die anwesende Aushilfe im Museum aber leider nicht entriegeln konnte. Das hat mir am Tag vorher keiner gesagt …

Mein Tipp - falls Sie sich zum Besuch der Sammlung entschließen sollten:
Rufen Sie unbedingt vorher an, ob die Räumlichkeiten der ehemaligen Elementarschule überhaupt geöffnet sind/werden. Teilen Sie mit, dass Sie auch (oder nur) die Harzmineralien-Sammlung anschauen wollen und bitten Sie, die Räume dann zugänglich zu machen. Je nach Wissensdurst ist es vielleicht angebracht, gleichzeitig nach einer fachkundigen Führung durch die Sammlung zu fragen, denn nicht immer ist jemand Kompetentes vor Ort.


Ihr Weg zur Sammlung bzw. Alten Elementarschule ist denkbar einfach: Folgen Sie den schon weit vor Gernrode aufgestellten braunen Hinweisschildern zur romanischen Stiftskirche „St. Cyriakus“, wohl die Attraktion und der Besuchermagnet in dieser reizvollen Ortschaft am Harzrand. Das Museum in der Elementarschule liegt nur wenige Schritte entfernt.
 


 

Abb. 1 - 4: Romanische Stiftskirche St. Cyriakus

Eigentlich lasse ich auf meinen Wegen Kirchen, Klöster usw. eher unbeachtet links liegen, aber dieses von außen äußerst imposante Bauwerk wartet doch mit einigen Besonderheiten auf, die einen Besuch geradezu „erzwingen“- ein wenig Kulturgeschichte „en passant“ kann nie schaden:

Die gut 1055 Jahre alte erhalte Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode ist das einzige nahezu unveränderte Bauwerk aus der Zeit Otto I. in Deutschland und eine der ältesten Kirchen in Nordeuropa überhaupt. Für die damalige Zeit ist der Bau (nicht nur architektonisch) ein Superlativ, entsprechend einem Machtzentrum des damaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Krypta ist eine der ältesten in Deutschland. Im Innenraum der dreischiffigen Basilika schaut es eher spartanisch aus. Einen weiteren Höhepunkt kann man sich im Seitenschiff angucken, denn dort befindet sich die erste Nachbildung des Heiligen Grabes nördlich der Alpen aus dem Jahre 1080.

Weitere Informationen über diesen wahrlich geschichtsträchtigen Ort gibt es z.B. hier und hier.

Abb. 5: In einer Altstadtgasse
Abb. 6: Einheimische mit merkwürdiger Sitte ...
In Sichtweite, nur vielleicht gute 70 Meter von der Stiftskirche entfernt, wartet die zweite kulturhistorische bedeutende Attraktion von Gernrode: Die Alte Elementarschule - das eigentliche Ziel meiner Anreise.


Abb. 7: Zwischen zwei Altstadtgassen von Gernrode
steht die wohl älteste lutherische Grundschule
Deutschlands

Abb. 8: Ansicht aus der St.-Cyriakus-Straße
Diese wurde bereits 1533 erstmalig erwähnt und gilt als die vermutlich älteste Elementarschule bzw. reformatorische (lutherische) Grundschule in Deutschland. Die Gründung dieser öffentlichen Bürgerschule geht auf die Reformation des Gernröder Stifts im Jahre 1521 zurück. Der heutige, aufwändig sanierte und rekonstruierte Bau steht zwar auf den alten Fundamenten, stammt aber größtenteils aus dem frühen 18. Jh. Weitere Details aus der Geschichte sind der Homepage der Elementarschule zu entnehmen (s. unt.).
Heute kann man den Gebäudekomplex (Abb. 7, 8) als historisches Schulmuseum ansehen. Neben dem historischen Klassenzimmer werden dem Besucher darüber hinaus diverse Ausstellungen zur Stadt- und Schulgeschichte,  Lesungen, Vorträge, Konzerte, Theateraufführungen und wechselnde Kunstausstellungen angeboten.

Abb. 9: Blick in ein originalgetreu wiederhergestelltes,
historisches Klassenzimmer aus dem 18. Jh.
So, nun zum eigentlichen Thema: Im Dachgeschoss befindet sich die ständige Ausstellung „Mineralien des Harzes“, die, glaubt man manchen Reiseführern und Webseiten, mittlerweile überregional bekannt sein und eine gewissen Begeisterung hervorrufen soll. Mmmh, dann wollen wir einmal die enge Treppe nach oben steigen und kritisch in die Vitrinen schauen ….

In zwei Räumen kann der Besucher den Großteil einer umfangreichen Sammlung eines ehemaligen Mitglieds des Gernroder Kulturvereins "Andreas Popperodt e.V.“ anschauen, die er in Jahrzehnten intensiven Sammeltätigkeit
aufge-baut hat.


Die vielfältigen Stufen stammen ausschließlich aus dem Harz und dem Harzvorland. Die Mineralien sind nach Fundorten bzw. ehemaligen bergbau-lichen Standorten in 6 Vitrinen ausgestellt:

Abb. 10:
Zugang zur Ausstellung

Abb. 11:
Drei der insgesamt 8 Vitrinen

Abb. 12:
Arbeitstisch
Vitrine 1: 
Gernrode (Hohe Warte | Osterberg & Ostergrund | Hagental & Hagenberg | Kupferberg)
Vitrine 2:  
Gernrode/Bad Suderode | Steinbruch Rieder | Neudorf/Straßberg
Vitrine 3: 
Harzgerode/Silberhütte | Wolfsberg/Dietersdorf | Stolberg/Hayn | Rottleberode
Vitrine 4: 
Rübeland/Elbingerode | Hüttenrode/Hasserode | Treseburg/Trautenstein
Vitrine 5: 
Ilfeld/Ellrich | Tilkerode | Staßfurt/Bernburg | Mansfelder Land
Vitrine 6: 
Westharz (St. Andreasberg | Bad Grund | Clausthal | Lautenthal)

Zwei weitere Vitrinen ergänzen das Angebot:
Vitrine 7:  Schmuck- und Halbedelsteine (weltweit)
Vitrine 8:  Schaustufen gemischt
Karten, Risse und Gezähe runden die kleine Ausstellung ab.


Das Fotografieren der Stücke gestaltete sich auch hier wieder sehr schwierig. Das lag zum einen an den starken Reflexionen der Vitrinengläser und einer insgesamt doch sehr unausgewogenen Beleuchtung sowie zum anderen daran, dass viele gute Stufen, die ich hier gerne gezeigt hätte, in Augenhöhe postiert sind, einer Höhe, bei der mein Stativ nicht mehr ausreicht. Alle Bilder sind im Nahmodus der Digitalkamera aufgenommen worden, ein Zusatzblitzlicht wird dabei dauerhaft abgeschaltet. Alles leider irgendwie „suboptimal“.

Es folgt eine bunte Zusammenstellung quer durch den Gemüsegarten. Auf eine Größenangabe habe ich weitestgehend verzichtet, orientieren Sie sich bitte an der Holzmaserung. Für eine vergrößerte Ansicht der Bilder bitte diese anklicken:

Abb. 13:
Calcit | Elbingerode

Abb. 14:
Rhodonit | Elbingerode – vermutlich vom Schävenholz;
die gesägte und geschliffene Platte ist ca. 18 cm lang.  

Abb. 15:
Manganit | Ilfeld – ein Klassiker, der nicht fehlen darf

Abb. 16:
Galenit auf Siderit | Grube Pfaffenberg bei Neudorf –
Der vordere Bleiglanzkristall ist ca. 20 mm groß

Abb. 17:
Galenit und Siderit | Grube Pfaffenberg bei Neudorf –
Derselbe Fundort, eine andere Ausbildung

Abb. 18:
Clausthalit (in der Vitrine 2) – vermutlich vom Grauwackesteinbruch
Rieder bei Gernrode. Das seltene Blei-Selen-Mineral in einem
überdurchschnittlich großen Aggregat

Abb. 19:
Malachit (in Vitrine 4) – der genaue Fundort ist
mir nicht bekannt. Die Bildhöhe beträgt ca. 9 cm

Abb. 20:
Coelestin auf Pyrit (in Vitrine 6) – vermutlich nach
Bad Grund gehörend. Schöner Kristall mit einer
Länge von ca. 25 mm.

Abb. 21:
Ausschnitt aus der Vitrine 6 (Westharz)

Abb. 22:
Als „Chalcedon“ in Vitrine 3 beschildert
Abb. 23:
Wolfsbergit (jetzt: Chalkostibit) auf Zinkenit (in Vitrine 3) – ich
denke von der Typlokalität Graf Jost-Christian Zeche in Wolfsberg


Abb. 24:
Kein saftiges Steak, sondern eine geschnittene und polierte
Scheibe Roteisenstein (Hämatit), auch aus Vitrine 3

Abb. 25:
Zinkblende und Pyrit (in Vitrine 3)

Abb. 26:
Roter Glaskopf (in Vitrine 5)

Abb. 27:
Ged. Arsen | St. Andreasberg – ein echter Hingucker

Abb. 28
Chalkopyrit auf Siderit (in Vitrine 6) – könnte aus Bad Grund stammen
Abb. 29: Aus Vitrine 3
Abb. 30: Aus Vitrine4


Abb. 31:Ausschnitt aus Vitrine 1

Dabei möchte ich es belassen, obwohl noch mehr gute Stufen hinter den Vitrinengläsern postiert sind.

Die Bilder bzw. Bildunterschriften machen leider eines deutlich: Die Beschriftung der Stufen erfolgt – gelinde gesagt - äußerst unglücklich. Die Aufteilung der Stufen nach Fundorten bzw. Bergbaugebieten in die sechs Haupt-Vitrinenschränke ist generell zu begrüßen. Nur bei drei bis vier als „Besondere Stücke“ gekennzeichnete Stufen erfährt der interessierte Betrachter dann deren genauen Fundort, da sie auf einer Wandtafel explizit genannt werden. Alle anderen Stücke in den Vitrinen können nur in den wenigsten, recht augenscheinlichen Fällen als Klassiker deutscher Mineralien einem speziellen Fundort zugeordnet werden. Dieses ist besonders bei Interessenten und/oder Sammlern der Fall, die sich mit der Materie Minerale des Ost- und Mittelharzes – oder um es anders auszudrücken: Minerale aus der ehem. DDR – kaum oder nur wenig auskennen. Ich zähle mich dazu. So bleibt zunächst nur ein grober Überblick, was in den jeweiligen Fundgebieten möglich war. Allerdings ist dieser Überblick äußerst umfangreich gelungen. Die Qualität der Stufen möchte ich zusammengenommen als „oberste Mittelklasse“ bezeichnen. Schwankungen nach oben und unten sind vorhanden, insgesamt gesehen ist das Bild recht ausgewogen.

Die Stufen der ehem. Sammlung Gerfried Seidel wurden einem Museum übergeben, dass mit dieser Materie vielleicht etwas überfordert ist. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wer für die Auswahl und Präsentation der zu zeigenden Stufen verantwortlich war. Anhand vieler falscher Schreibweisen (vgl. Abb. 29 und 30) muss man davon ausgehen, dass es nicht der Sammler Seidel selbst war. Aber da steht das Museum in der Alten Elementarschule in Gernrode nicht alleine da. Viele kleine mir bekannte Museen und Heimatstuben, die Mineraliensammlungen als eher fachfremde Zugabe zu den eigentlichen Exponaten öffentlich zeigen, haben große Schwierigkeiten, den verwöhnten und vorgebildeten Mineralien-Sammler zufriedenzustellen: Falschbestimmungen, unrichtige Schreibweisen und eine Auswahl von Stufen von unterdurchschnittlicher Qualität trüben oft den Eindruck. In Gernrode hält sich das glücklicherweise in überschaubaren Grenzen. Besuchern, die sich „einfach nur“ an den Schätzen der Natur erfreuen und nicht tiefer in die Materie eintauchen wollen, ist diese Ausstellung zu empfehlen.

Sicherlich, die genaue Zuordnung der Stufen zu konkreten Fundorten (Gruben, Steinbrüche) ist sehr schwierig und kann fehlerbehaftet sein. Aber man muss dem Kulturverein großes Lob aussprechen, überhaupt Mineralstufen aus einem eng begrenzten Gebiet zu zeigen. Viele alte Sammlungen verschwinden für immer in Kisten im Keller oder gelangen gleich auf die Schutthalde. Für jede öffentlich gezeigte Stufe, besonders wenn Sie aus einem alten Bergbaugebiet stammt und ein Symbol einer kulturhistorischen Entwicklung darstellen kann, bin ich dankbar. Da die alten Bergwerkshalden und Gruben im Gelände verschwunden sind bzw. derzeit zum Verschwinden gebracht werden, halten wenigstens noch die Minerale, Erze und Rohstoffe die Erinnerung an bedeutende Epochen und Wirtschaftszweige einer Region hoch. Das derzeitige Schleifen der Areale etlicher Kohlezechen im Ruhrgebiet und Saarland ist ein Beispiel dazu.

Zurück zur Ausstellung: Die Präsentation in den Vitrinen ist sicherlich nicht optimal, die Beleuchtung ist aufgrund der Holzböden alles andere als ausreichend. Viele Stufen verschwinden im Schatten, manches Detail bleibt verborgen. Abhilfe würde ein verstärktes, fachweises Ausleuchten bringen. Auf dem Markt gäbe es Minischienen-Lichtsysteme mit einzeln positionierbaren Halogen-Minispots oder LED-Streifen, die viel bringen könnten. Ferner würde ich den Verantwortlichen vorschlagen, jeden Vitrinenfachboden nur mit Stufen einer Fundstelle zu bestücken und dieses auch an der Rückwand zu vermerken, kurz: den Vitrineninhalt feiner zu strukturieren. Damit wäre auch das Problem der Zuordnung gelöst. Gleichzeitig wäre es vorteilhafter, auch die Papierschildchen und die Schriftgröße in eine zum Objekt angemessene Größe zu bringen. Alternativ könnte man unter dem Mineralnamen auch den Fundort angeben, wie es z.B. in der Vitrine 8 erfolgte.
 
Abb. 32 Blick in einen der Museumsräume im Erdgeschoss.
Ich ziehe die Zimmertür zu und steige wieder hinab, um mir die anderen Exponate anzuschauen. Nachfragen wurden äußerst kundig und verständlich beantwortet. Mich würde es nicht wundern, wenn die anwesende Dame „vom Fach“, also ehemalige Lehrerin war.  

Abb. 33
Hinweisen möchte ich noch auf eine kleine Ecke in der Elementarschule, die sich dem Wirken einer Person widmet, die uns Mineralien-Liebhaber nicht unbekannt sein sollte: Friedrich C.C. Mohs – Professor der Mineralogie und bekannt durch die von Ihm entwickelte und nach ihm benannte Härteskala der Minerale. Mohs wurde 1773 in Gernrode geboren und hat vielleicht auch in dieser Schule die Bank gedrückt.






Kontakt:
Alte Elementarschule
Gernroder Kulturverein „Andreas Popperodt e.V.“
06485 Quedlinburg - OT Gernrode
St.-Cyriakus-Straße 2
Tel.:  (039485) 265

Öffnungszeiten:
MO-FR                 10.00 - 12.00 und 14.00 Uhr - 16.30 Uhr
SA                          14.00 - 17.00 Uhr
und nach Vereinbarung


Jedoch mit leichten Abstrichen

Ich empfehle den Besuch der Schule bzw. der Sammlung mit dem Besuch der Stiftskirche zu verbinden und anschließend im direkt gegenüber gelegenen Café „Froschkönig“ einzukehren. Im Jugendstilambiente schmeckt deren Spezialität - Windbeutel – gleich noch leckerer.