Donnerstag, 13. Oktober 2011

Überraschungsfund aus Rottorf am Klei





Nachträglich weiß ich auch nicht mehr, was mich an einem kalten Wintertag vor einigen Jahren in die Nähe von Rottorf am Klei(berg), einer kleinen Ortschaft zwischen Wolfsburg und Helmstedt, getrieben hat.  Die Reste des ehemaligen Tagebaus auf kalkreiches Eisenerz sind in der einschlägigen Mineralfundstellen-Literatur nicht erwähnt. Der Aufschluss galt eher bei geologisch- und paläontologisch-Interessierten als lohnendes Ziel, da hier die (äußerst fossilreichen) Schichten den Lias gamma fast vollständig aufgeschlossen waren.
Nennenswerte Mineralfunde hatte ich also eigentlich nicht zu erwarten. Vielleicht veranlasste mich die Tatsache, dass die Grube der letzte Übertage-Aufschluss von Eisenerz aus dem Jura in Niedersachsen ist und schon deshalb ein Besuch lohne, zu einem Kurzbesuch.

Die Eisenerzgrube "Ernst-August" - benannt nach dem Kurfürsten von Hannover (1629-1698) – lieferte bis zur Einstellung des Abbaus im Jahre 1950 ein oolithisches Eisenerz mit i.M. 21,5 % Eisen, 17 % SiO2 und 19 % CaO. Der nennenswerte Kalkgehalt stellte sich beim Verhütten als vorteilhaft dar.

Für weitere Informationen zu diesem Aufschluss verweise ich auf folgende Seiten:
 Als Literatur empfehle ich – auch wenn sich die Texte fast identisch sind – folgende Werke:
  • KRÜGER, Fritz J. – Geologie und Paläontologie: Niedersachsen zwischen Harz und Heide …, Stuttgart, Franckh, 1983, ISBN 3-440-05153-6
  • KRÜGER, Fritz J. – Wanderungen in die Erdgeschichte, Bd. 19: Braunschweiger Land; München Pfeil-Verlag, 2006, ISBN 3-89937-066-X


Vom Lias-gamma-Profil ist nicht mehr viel zu sehen. Die Böschung im Südteil der Grube ist stark verwachsen, nur stellenweise treten die Schichten unter dem Schutt hervor. Der flache Uferbereich - nach den Hinterlassenschaften zu urteilen, anscheinend gerne im Sommer als Liegewiese und Ess-/Spielplatz benutzt -  und der schmale Haldenrücken zum benachbarten Feld (sichtbar an abseitigen Schürfstellen der Fossilien-Sammler) ist dagegen offen zugänglich.

Am Schurf eines Fossiliensammlers
Das eisenhaltige Gestein – gut erkennt man die Ooide, die bei der Ausfällung eisenhaltiger Lösungen im marinen, küstennahen Milieu entstanden sind – ist für Mineraliensammler eigentlich uninteressant. Nur auf einem Stück fand ich einen kleinen Rasen angewitterter Calcit-Kristalle bis 1 mm Größe. Na ja, immerhin.

Ein Absuchen der großen Freifläche im Nordosten des Geländes nach weiteren Calciten blieb zunächst erfolglos. Fünfeckige Stielfragmente der Seelilie Isocrinus, Bruchstücke von Belemniten-Rostren sowie ab und zu ein frei ausgewitterter Brachiopode der Gattung Rhynchonella fanden stattdessen den Weg in meine kleine Sammelschachtel. Vermutlich eine Trotzreaktion, da ich Fossilien gar nicht (mehr) sammle. Das oberflächliche Auflesen wurde allerdings erschwert durch eine hohe Anzahl "muschelähnlicher Objekte", die bereits die rotbraune Färbung des Bodens angenommen habe: Sie stellten sich als rezente Kirschkerne heraus.


Nach etlichen Jahren kramte ich nun meine Schachtel zum Aufarbeiten wieder hervor. Es kam, wie es kommen musste: Die Derberzstücke wurden, ohne eines weiteren Blickes zu würdigen, im Garten "gelagert". Belemniten und Crinoiden gesellten sich schnell dazu.
Die o.g. Kleinstufe mit den Calciten wurde als einziges Belegstück zur Seite gelegt. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Skalenoeder im Hohlraumrest eines Brachiopoden bzw. einer Muschel (heute nicht mehr feststellbar) saßen. Sodann mussten meine anderen Schalentierfunde, die  ansonsten "einteilig" zu den anderen Fossilien in den Garten gewandert wären, "daran glauben" – der Fossiliensammler möge es mir verzeihen: Mit einem kleinen Hammer zerteilte ich die Objekte vorsichtig.
Etwa 10% der Funde zeigten einen Hohlraum, der kleine, z.T. wasserklare Calcit-Kristalle enthielt. Auf den Kristallrasen zeigten sich kleine braune, längliche Krümel, die ich zunächst mit bloßem Auge als Gesteinsabschlag durch das Zerteilen deutete. Merkwürdigerweise sahen alle "Krümel" keulenförmig und gleich groß aus. Vor der Reinigung der Stüfchen im Ultraschallbad habe ich – zufällig und zum Glück – die Stücke unter dem Binokular gemustert – und nicht schlecht gestaunt: Die braunen "Keulen" stellen sich als radialstrahlige Büschel von Goethit-Nadeln dar! Die Länge der "kleinen Rasierpinsel" von goldbrauner Farbe erreicht zwar nur selten 0,5 mm – nicht groß, aber trotzdem in sehr attraktiven Gruppen. Damit hätte ich nicht gerechnet. Eine wohltuende Überraschung nach so langer Zeit, obwohl Mineralien in Fossil-Hohlräumen an sich nicht ungewöhnlich sind. Ähnliche Funde aus Rottorf am Klei sind in der Literatur bislang nicht beschrieben.
Das Ultraschallbad habe ich den Stüfchen erspart, da sie sonst die Nadeln abplatzen. Meine Calcit-Belegstufe wurde durch besseres Material ersetzt. Gerne würde ich Bilder zeigen, doch leider reicht dafür mein Equipment noch nicht aus. Ich reiche sie bei Zeiten nach.

Die ehemalige Eisenerzgrube "Ernst-August" bei Rottorf am Klei ist seit längerer Zeit ein Naturdenkmal und befindet sich in Privatbesitz. Größeren Gruppen und Sammlern (mit der Absicht zu größeren Erdbewegungen) ist empfohlen, sich zwecks Genehmigung zum Betreten des Objekts vorher beim Geopark-Informationszentrum, Königslutter, zu informieren. Ansonsten ist das Gelände ist offen begehbar.
Baden, Angeln und Grillen sind tabu. Während der Vogelbrutzeiten sollte das Unterholz gemieden werden. Natürlich dürfen auch keine Schäden angerichtet werden. Grabungen, Schürfe und dergleichen sind untersagt, allerdings für uns Mikro-Mineralsammler ohnehin nicht notwendig, da das für uns interessante Material lose, ausgewittert an der Oberfläche liegt. Einen Hammer brauchen Sie deshalb nicht mitzuführen bzw. einzusetzen. Sicherlich enthalten die Gesteine auf der flachen Resthalde auch die gleichen Fossilien, nur hier ist die Mühe zum Bergen ungleich höher und die Aussicht auf Erfolg ungleich niedriger, als laufenden Schrittes den Boden abzusuchen. Besonders in kleinen Rinnen des ablaufenden Regen- und Schmelzwassers sind die Fossilien häufiger zu finden.
Die Anzahl an Brachiopoden und Muscheln ist gegenüber der an Crinoiden relativ gering. Letztere sind aber nicht hohl und nur für Fossilien-Fammler interessant.

Hinweistafel (Bitte anklicken)
Noch ein Tipp: Beim Betrachten der Fossilien-Hohlräume unter dem heimischen Binokular stellte ich fest, dass diese leicht durchscheinend sind. Mit Hilfe einer kleinen lichtstarken Lampe kann man also schon vor Ort feststellen, ob das vermeintliche Schalentier hohl ist, somit die Wahrscheinlichkeit für Goethit-Nadeln sehr hoch ist oder einen massiven Kern aufweist  - oder sich vielleicht nur als Kirschkern entpuppt; aber dafür braucht man keine Lampe ....