Dienstag, 24. Mai 2011

Fundstellen am Innerste-Stausee (1)


Steigertal, Gegental-Schacht und Friederiken-Stollen

Der Innerste-Stausee. Blick nach Norden zur Talsperre

Nach umfangreichem Studium des Fachschrifttums und Be-/Ausnutzen etlicher Online-Kartendienste fuhr ich bestens vorbereitet in den frühen Morgenstunden zum südlichen Ende des Innerste-Stausees in der Nordwest-Ecke des Oberharzes. Hier befindet sich – auch als Ausgangspunkt für geologisch-mineralogische-montanhistorische Exkursionen – ein kleiner Wanderparkplatz auf der Westseite der Fahrstraße zwischen Langelsheim und Lautenthal. Besonders bei schönem Wetter sind die wenigen Plätze schnell belegt. Unzählige Jogger, Spaziergänger, Mountainbiker, Angler, Badegäste und vielleicht auch der eine oder andere Mineralsammler versuchen, für ihr Fahrzeug einen Stellplatz im schattenspendenden Unterholz zu ergattern.

Mit mittelschwerem Hammer, Knieschoner, Geleucht ;-) und nur einer 0,5-Liter-Wasserflasche im Rucksack ging es mit meinen präparierten Karten und detaillierten Wegbeschreibungen und Grubenrissen auf den asphaltierten Weg auf der Westseite des Stausees nach Norden (in Richtung Staumauer). Das Programm für diesen Tag war proppenvoll: Meine Selbstbau-Topographie-Karten enthalten zwischen 150 und 200 Meilerplätze der alten Köhler, 5 Schlackenplätze sowie die detaillierte Lage von ca. 80 Pingen und 5 Stollen- und Schachtbauwerken des aufgelassener Bergbaus auf dem Gegentaler-Gangzug. Letzteren galt natürlich mein Hauptaugenmerk. Aber auch einige Meilerplätze standen auf der Liste.


Während des Fußmarsches öffnete sich öfters eine kleine Schneise in der Ufervegetation und gab den Blick auf einen nicht sonderlich gefüllten Stausee frei. Nach ca. 850 Meter Wegstrecke erreiche ich die Einmündung des Steigertals. Hier bot sich erstmals das Herabsteigen zum Stauseeufer an. Alte Baumstümpfe, die Überreste befestigter Wege und der alten Bahnlinie sind beim niedrigem Wasserstand erkennbar.



Ich folge dem Weg in das Steigertal. Bereits nach ca. 150 Meter erkenne ich beiderseits des Weges alte Hohlwege der alten Köhler, die hier an etlichen Stellen - meist in Bachnähe - ihre Meilerplätze errichteten. 600 Meter Fußweg weiter verlieren sich die letzten Spuren der Köhler.
Entgegen manchem Schrifttum und einigen Internetseiten liegen hier links des Weges keine stark verwachsenen Halden des Bergbaus auf den Gegentaler-Gangzug. Das verwundert auch nicht weiter, denn der Gang streicht erst 650 m weiter nördlich von NW nach SE und ist durch einen umfangreichen Pingenzug gut im Gelände verfolgbar. Im Steigertal selbst sind keine Halden zu erkennen (und waren eigentlich auch nicht zu erwarten).
Unmittelbar nördlich der Weggabelung zwischen der Uferstraße (manchmal auch als Lindtal-Weg bezeichnet) und der Steigertalstraße liegen etwa 20 Höhenmeter über dem Wegeniveau sichtbar 2 große und 2 kleinere Vertiefungen, die man nur weglos erreichen kann. Der detaillierten Karte im Werk "Köhlerei im Harz" von A.v. Kortzfleisch nach stellen die vier Aufschlüsse "Pingen auf dem Gegentaler Gangzug" dar. Meine Zweifel an der Richtigkeit dieser Annahme möchte ich zum Ausdruck bringen. Weder im anstehenden Schiefer des Pingenbereiches noch im Schotter hangabwärts ist eine Mineralisation erkennbar. Der Schiefer ist stark "gegriffelt". Kein Quarz, keine Erzspur, kein Limonit. Dafür: alte Teppichreste, Glasflaschen, ein zerbrochener Schutzhelm. Pingen? Mini-Steinbruch? Egal, für Mineralsammler oder Montanhistorisch-Interessierte nicht lohnenswert.

400 Meter Fußweg weiter auf der Uferstraße erkennt man bald links, etwas zurückgesetzt, ein Trafohaus. Kurz darauf mündet von Westen das nächste Nebental ein. Ich verlasse hier die Uferstraße und nehme den sehr kurzen Weg in das Fäkensteintal, der alsbald in einer kleinen Rechtskurve endet. Hier befindet sich der Gegental-Schacht, der von 1937 bis 1940 durch die Preussag AG ca. 213 Meter abgeteuft wurde, um den Gang nach Auffahren eines Querschlages auf sulfidische Erze zu untersuchen. Geringe Erzanbrüche und starke Wasserzuflüsse brachten das Vorhaben zum Erliegen.
Heute dient der Schacht zur Trinkwassergewinnung der Harzwasserwerke. Ein kleines Gebäude und ein Schachtdeckel innerhalb einer Umzäunung zeigen den ehemaligen Standort des Schachtes an.

Am ehem. Gegental-Schacht
Überbleibsel der ehem. Tagesanlagen-Infrastruktur
 
Der Bereich südlich und östlich des Schachtes wurde anscheinend abgeschoben und planiert. Unter den heute stark überwucherten Bereichen lassen sich neben alten Betonbauwerksresten der ehemaligen Tagesanlagen auch Kuriositäten entdecken, z.B. eine alte Absperrarmatur unter der Wurzel einer imposanten Fichte.


Fundstelle: Halde am Gegental-Schacht der Grube Friederike

Östlich und südlich des Schachtes – im Feld zwischen der Uferstraße am Innerste-Stausee und dem kleinen Zugangsweg ins Fäkensteintal - liegen im Unterholz kleine Halden vom ehemaligen Bergbau auf Eisenerze, die sich lohnen, genauer untersucht und ggf. besammelt zu werden. Mühelos ließen sich hier schöne Gangquarz-Stufen bis 6 cm Größe bergen. Diese sind öfters mit Limonit überkrustet, der sich aber leicht entfernen lässt. Aber auch farblose bis hellgelbe Quarz-Kristalle bis 8 mm Länge – gerne auch doppelendig ausgebildet – können von der Oberfläche gesammelt werden. Daneben gesellt sich mehr oder minder frischer, d.h. nur unwesentlich limonitiserter Siderit dazu. Auf kleinen Klüften des massiven Spates zeigen sich Rhomboeder bis 4 mm Kantenlänge (Kristallrasen) und Aggregate aus linsenförmigen Scheibchen, die mitunter schöne Micromounts ergeben. Daneben sind Siderit-Kristalle auf Klüften und in Hohlräumen des körnigen Gangquarzes häufig zu beobachten, allerdings zeigt sich hier eine sehr fortgeschrittene Limonitisierung.

Die Grube Friederike baute bis 1940 auf dem Gegentaler Gangzug auf Eisenerz. Anfänge des Bergbaus gehen auf das frühe 18. Jahrhundert zurück. Die Untersuchung erfolgte zunächst oberflächennah durch Pingen, später in mehreren Stollen und Sohlen.
Der hier im Grenzbereich Devon-Kulm auftretende Gang ist zwischen 0,5 und 4 m mächtig und zeigt auf einer streichenden Länge von 1,2 Kilometer (Friederiken-Stollen) keine Verwerfungen. In der Hutregion herrscht Mn-haltiger, mulmiger Brauneisenstein und Brauner Glaskopf vor. Mit zunehmender Teufe geht der quarzhaltige "Eisenstein" in hell- bis dunkelbraunen Eisenspat über. Dieser ist nach meinen Haldenfunden öfters zonar strukturiert. Nur spärlich wurden in großen Teufen auch Pyrit und Bleiglanz angetroffen; auf der Halde sucht man danach allerdings vergebens.

Wasserbauwerk am Fäkensteintal
 
Ich kehre zurück auf die Uferstraße und setze meinen Weg am Innerste-Stausee nach Norden fort. Nach kaum 100 Meter sehe ich rechts das eingezäunte Betonbauwerk der Harzer Wasserwerke, das häufig als Wegweiser im einschlägigen Fundstellen-Schrifttum oder in Online-Portalen genannt wird. Hier verlasse ich die Uferstraße und nehme den direkten Weg zum Wasser hinunter durch die üppige Ufervegetation.
Der kleine Trampelpfad von der Sitzbank kurz vor der Einzäunung mag der bequemere sein, um zum zum Kerngebiet der Halde an der Uferböschung zu gelangen. Mit fallendem Wasserpegel im Innerste-Stausee steht dem Mineralsammler hier ein stetig breiterer Uferstreifen zur Suche zur Verfügung.
Steigen Sie jedoch die kleine Granitsteintreppe am Wasserbauwerk hinab und kämpfen sich linkerhand durch das Unterholz zum See, so haben Sie bereits hier oben die Möglichkeit, auch bei hohem Wasserpegel im Stausee auf die Suche gehen zu können, denn dort beginnt unmittelbar die nächste

Fundstelle: Die Stollenhalde der Grube Friederike

Die folgenden Fotos sind bei einem Füllungsgrad der Talsperre von 58% aufgenommen worden und zeigen gute bis ausreichende Fundmöglichkeiten (Wasserpegel bei ca. 254,26 m üNN). Woher kenne ich den Füllungsgrad? Woher weiß ich vorher, ob ein ausreichend großes freies Haldenareal zum Sammeln freiliegt, oder ob ich mir doch nur nasse Füße hole (oder im Unterholz suchen muss)? Glücklicherweise veröffentlichen die Harzwasserwerke ständig aktualisierte Daten ihrer Talsperren, die online abrufbar sind. Diese enthalten neben dem Füllungsgrad auch absolute Wasserpegel (Stauhöhen) und die Zu- und Abflüsse in m³/s. Sammler mit längerer Anfahrt sollten diesen Service nutzen.


Mit fallendem Wasserpegel steigen also die Fundmöglichkeiten. Was hat die Halde zu bieten? Da das Material aus dem selben Bergwerk - der Grube Friederike - bzw. aus Grubenfelder im selben Grubenbezirk stammt, kann man auch hier Brauneisenerz und Quarz, wie kurz zuvor am Gegental-Schacht aufgesammelt, erwarten. Allerdings tritt hier der Eisenspat gegenüber dem Goethit bzw. Rubinglimmer ("Brauner Glaskopf") stark zurück. Pseudomorphosen von Brauneisen nach Siderit in Form kleiner Rhomboeder lassen sich hin und wieder beobachten.
Dominiert wird die Halde durch die reichhaltige Anzahl an Goethit-Glaskopf-Stufen, die durch hohe Mn-Gehalte mitunter tiefschwarz erscheinen. Kleine attraktive Stufen bis Streichholzschachtelgröße lassen sich mühelos von der auch mit Beton, Ziegelsteinen, Metallresten oder rezentem Strandgut (Badelatschen, Flaschen usw.) vermischten Halde aufsammeln. Mit einem Pickhammer lassen sich auch größere Stücke aus der Böschung herausziehen, allerdings finde ich diese als Micromounter, der lieber feine Kristallbildungen sehen möchte, eher unattraktiv. Das Graben sollte unterbleiben!
Schön ausgebildeten Brauner Glaskopf trifft man meistens an den Drusen- und Kluftwandungen innerhalb des Brauneisens an. 

Diese Stufe blieb liegen: Groß, aber unansehnlich
Der kam mit (und wird verschenkt):
Brauner Glaskopf, Stufenhöhe 15 cm
Siderit-Kristallrasen mit fortgeschrittener Limonitisierung;
Kristallgröße bis 6 mm.

Nach Schrifttum soll auch Hämatit in erdiger Form, als Gesteinsimprägnation und auch als Roter Glaskopf (unregelmäßige Verwachsungen mit Braunem Glaskopf) vorkommen. Schuppiger oder nadelförmiger Hämatit ist in Quarztrümern zu finden. Kupferkies, Pyrit und Malachit konnte ich bei meinem Besuch nicht finden.
Als weitere Sekundärmineralien sind Manganoxide und –hydroxide zu nennen. Nachgewiesen wurden schon früh Pyrolusit, Psilomelan und Manganit (vgl. STOPPEL & SPERLING, 1983). Erst in jüngerer Zeit kamen noch Rancieit und Kryptomelan hinzu (vgl. Lapis, Heft 4, 2006). Meine Mn-Mineralfunde habe ich noch nicht ausgewertet. Es waren aber einige brauchbare Stüfchen dabei.


Der Rucksack war schnell reichhaltig gefüllt und schwer. Der Glaskopf musste oft dem Siderit weichen, da ich als Micromounter andere Kriterien an meine Stufen anlege. Mein Getränkevorrat war durch die 2-stündige Suche auf der Halde bei schattenlosen 32 °C und hoher Luftfeuchte schnell aufgebraucht. Verpackungsmaterial hatte ich auch noch vergessen. Unerklärbare, eklatante Fehler, die eigentlich nur Anfängern und keine Sammler, die seit 30 Jahren unterwegs sind, passieren sollten. Auf meinem Plan standen noch die Fundstellen im nächsten Nebental, dem Gegental. 'Zurück zum Wagen' hätte einen Zeitverlust von ca. 45 Minuten bedeutet, allerdings auch einen leeren Rucksack und einen frischen Getränkevorrat. Die Stufen wollte ich auch nicht zurücklassen, um sie auf dem Rückweg aufzunehmen …

Also, Augen zu und durch! Was folgte war ein 7 km langer Fußmarsch – davon 95% im weglosen, steilen Gelände im Unterholz oder imposanten Buchenwäldern – mit der Überwindung von etwa 600 Meter summierter Höhenunterschied, mit 25 kg Eisenerzstufen auf dem Puckel und ohne Verpflegung und Verpackungsmaterial.  

Doch davon später.








1 Kommentar:

  1. Nachtrag:

    Das erwähnte "Fäkensteintal" entspricht der Nomenklatur auf aktuellen topographischen Karten. Historische Karten weisen allerdings den Flurnamen "Falkensteinthal" auf. Es würde mich nicht wundern, wenn hier irgendwann ein Geograph geschlampt hätte ;-)

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